Recht & Tarif                








Urteil mit Signalwirkung:

Friseurketten-Managerin wegen Lohndumping verurteilt

Wegen Betrugs in 17 Fällen und der Vorenthaltung und Veruntreuung von Arbeitslosenentgelt in 222 Fällen hat das Amtsgericht Villingen-Schwenningen eine leitende Angestellte der Frisörkette Klier zu einer Geldstrafe von 17.850 Euro verurteilt. Mehr dazu in den drei Presseberichten unten.





Der Mindest-Tariflohn ist der niedrigste Lohn, den ein Arbeitgeber laut Gesetz zahlen darf. Ein Verstoß ist eine Straftat nach §266a StGB . Dieser Lohn wird in der Regel nur von Billigkettenbetreibern gezahlt und manchmal zahlen sie sogar noch weniger als es der geltende Tariflohn vorsieht. Der Staat kontrolliert das in letzter Zeit vor allem bei Razzien in Billigsalons und wird oft fündig. Betroffene Friseure sollten Verstöße bei der zuständigen Zoll-Behörde anzuzeigen (nicht bei der HWK , warum siehe hier >>>) .Die HairWeb-Aktion trägt übrigens erste Früchte - in Köln wurden jetzt Stundenlöhne um 1,50 EUR aufgedeckt ..mehr

Siehe auch Video: FOCUS TV deckt auf -  Schwarzarbeit und Lohndumping bei Billigfriseuren

 

Wann bzw. wo gilt überhaupt ein Tariflohn?

Ein gesetzlich vorgeschriebener Tariflohn gilt nur dort wo es auch einen für allgemeinverbindlich erklärten Tarifvertrag bzw. Manteltarifvertrag (MTV) gibt - siehe:

Verzeichnis der für allgemeinverbindlich erklärten Tarifverträge / MTV

 

Anleitung für Checkliste (unten)

Zuerst   Bruttolohn duch Anzahl der geleisteten Stunden teilen (auch Überstunden). Das ergibt deinen tatsächlichen Stundenlohn. Dann Stundenlohn mit dem jeweils gültigen Tarif-Stundenlohn deiner Region (unten, fettgedruckt) vergleichen. Für ungelernte Arbeitnehmer (AN) bzw. AN ohne Gesellenbrief bzw.bestandene Gesellenprüfung gibt es Abschläge von bis zu 20% auf die angegebenen Werte. In Bayern, Baden-Württemberg und einigen anderen Bundesländern sind die Tariflöhne allgemeinverbindlich: Das heißt, jeder Friseur muß den angegebenen Tariflohn einhalten.




Bayern (neu) 7,93 (pro Stunde)  |  1.269, 24 (mon.) | 39 (Wochenstunden )
Baden-Württemberg   8,40 |  1.308,50 (LoSt 1)  | 38,5
Berlin-West und Ost 3,38 | 544  |  37
Brandenburg 3,05| 464 | 39
Hamburg 5,11 | 822 | 37
HWK-Bezirke Rheinhessen, Koblenz, Trier 4,99 | 803 | 37
Thüringen   3,18 | 511 | 37
Rheinland-Pfalz --- | 1280 | ----
Hessen 7,99 | 1.286 | 37
Innungsgebiet Lübeck 3,50 | 571 | 37,5
Mecklenburg-Vorpommern 4,51 | 726 | 37
Niedersachsen und Stadt Bremen 6,57 | 1.084 | 38
Nordrhein-Westfalen 7,60 | 1300 | 37
Sachsen 3,82 | 492 | 37

Hinweis: Bereits 1 Cent unter dem Tariflohn ist eine Straftat nach nach §266a StGB !   (mehr Infos und Strafen)

Update: Die HairWeb-Aktion trägt übrigens erste Früchte - in Köln wurden jetzt Stundenlöhne um 1,50 EUR aufgedeckt ..mehr

Die Tariflöhne wurden mühsam zusammenrecherchiert. Quellen u. a. WSI-Tarifarchiv Hans Böckler Stiftung -

Im Zweifelsfall im Salon nachschauen- jeder Salon ist gesetzlich zum Aushang des Tarifvertrags verpflichtet!





Du verdienst zu wenig?

Du solltest jetzt

  • ... Dumpinglöhne beim Zoll anzeigen - schon 1 Cent unter dem Tariflohn ist eine Straftat nach §266a StGB
  • ...in der Friseur-Community mix-ecke mit anderen Betroffenen in Kontakt treten
  • ...einer Gehaltserhöhung fordern mit Hinweis auf den Tariflohn - oder siehe direkt nächster Punkt
  • ...den Salon wechseln. Manche Top-Salons zahlen nachweislich bis zu 3000 Euro. (siehe auch Jobbörse)
  • ...ins Ausland gehen - deutsche Coiffeure verdienen im Ausland schon mal 3300 Euro im Monat (siehe hier)


Wieviel sollten Friseure verdienen?

Die Tätigkeit des Friseurs ist eine sehr anspruchsvolle handwerkliche Arbeit. Trotzdem verdienen viele Friseure in Deutschland verhältnismäßig wenig Geld. Der Mindest-Tariflohn für Friseurgesellen beträgt in Sachsen nur 3 Euro pro Stunde (siehe Übersicht unten). In anderen Bundesländern liegt er jedoch deutlich höher, in Hessen oder NRW etwa bei 8-13 Euro (1286-2100 Euro Monatslohn), je nach Qualifikation. Insbesondere manche Billigketten bezahlen manchmal noch nicht einmal den gesetzlich vorgeschriebenen Mindest-Tariflohn (siehe unten).

LINK Hier geht´s zu den ausführlichen Tarifinfos (Gesellen, Meister, Salonleitung etc.)





Friseure auf Platz 2:

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Vier von fünf bekommen Niedriglohn


Ca. sechs Millionen Menschen beziehen in Deutschland einen Niedriglohn von weniger als 10,36 Euro brutto pro Stunde. Die Zahl der Niedriglöhner stieg jetzt auf 20,6 Prozent (2006 waren es noch 18,7 Prozent). Ganz besonders hoch ist der Niedriglohn-Anteil bei Taxifahrern (87 Prozent), etwas darunter liegen Friseure und Reinigungskräfte. Das heißt: Vier von fünf Friseuren beziehen einen Niedriglohn und könn(t)en ihren karge Lohn aufstocken (u. a. Hartz4-Leistungen, Wohngeld etc).

Zum weiteren Vergleich: In Gastronomie, Kinos und Wäschereien liegt die Quote bei über 70 Prozent, im Einzelhandel, Callcentern, Leiharbeitern immer noch bei gut 60 Prozent.

Niedriglohn per Tarif

Alle in Deutschland geltenden Tariflöhne für Friseurgesellen liegen unter 10,36 EURO. In Sachsen sind es nur 3, 50 EURO pro Stunde. Sogar in Bayern und Baden-Württemberg, wo die höchsten Tarifabschlüsse im Friseurhandwerk gemacht wurden, liegt der Tariflohn für einen Gesellen mit 7,62 EURO weit unterhalb der Niedriglohnmarke. Selbst der Tariflohn für Friseure in leitender Funktion (Bayern) liegt mit 11,81 Euro nur etwas mehr als einen Euro über dem Niedriglohnsatz. Kurios: Regelmässig verkaufen Innungen diese Art von Abschlüssen als "Tariferfolg".

Quelle der Zahlen: Statistisches Bundesamt in Berlin, LIV Bayern

Innungen + Merkel : Die Totengräber des Friseurhandwerks

Arbeitgeberverbände wie z.B. Friseurinnungen, Friseur-Verbände und der Zentralverband haben das Lohnproblem jahrzehntelang ignoriert. Entweder wurden einfach keine neuen Tarifverträge mehr abgeschlossen (siehe Berlin, seit Jahren ohne gültigen TV, da abgelaufen) oder es wurden mit neuen, bewusst niedrig gehaltenen Tarifabschlüssen den Billiglöhnen und damit auch den Billigketten (siehe unten) der Weg bereitet.

Oben genannte Verbände lehnen bis heute vehement und ohne stichhaltige Argumente den gesetzlichen Mindestlohn ab und haben qualifizierte Friseure lohntechnisch mit ungelernten Putzhilfen und Aushilfskellnern flächendeckend auf eine Tarif-Stufe gesetzt (siehe oben). Kein anderer Handwerksberuf hat so niedrige Tariflöhne und in Deutschland gibt es europaweit (außer Südeuropa) die niedrigsten Löhne für Friseure überhaupt.

Deutschlands Friseurinnungen müssen es sich gefallen lassen, die "Totengräber des Friseurhandwerks" genannt zu werden.

Ein weiterer "Totengräber" ist übrigens Walz-Kundin und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Auch sie lehnt seit vielen Jahren höhere Löhne für unterbezahlte Vollzeit-Friseure ab, obwohl diese mit Zuschüssen aus Steuergeldern unterstützt werden müssen

Fehlender Mindestlohn - die fatalen Folgen

Die erste Folge: Aufgund idealer Niedrigtarif-Bedingungen entdeckten Billigketten bereits vor ca. 8 Jahren die systematische Ausbeutung von Friseuren. Auf ihrem Rücken konnten extrem niedrige Preise mit maximalen Gewinnen kombiniert werden. Heute ist an jeder Ecke eine dieser umstrittenen Ketten zu finden.

Die zweite Folge: Seit ca. 4 Jahren flüchten schlechtentlohnte Friseure massenhaft in die Selbständigkeit und gründen Mikro- oder Einmannbetriebe. Die meisten von ihnen bleiben zumindest auf dem Papier unter der Grenze von 17.500 Euro Umsatz pro Jahr. So müssen sie für ihre Dienstleitungen keine Mehrwertsteuer zahlen und können damit die Preise klassischer, großer Salons (mit Angestellten) unterbieten. Diese Unternnehmen können einen derart unfairen Wettbewerb nicht gewinnen und müssen Mitarbeiter entlassen oder gar schließen.

Die dritte Folge: Niedrige Löhne und Tarife sind der ideale Nährboden für Schwarzarbeit. Nahezu jeder Geringverdiener ist gezwungen, sich das fehlende Geld durch Schwarzarbeit hinzuzuverdienen, um seinen Lebenunterhalt zu sichern. Mit jedem schwarz bedientem Kunden sinkt der Umsatz der anderen Salons, die damit ihre Mitarbeiter bezahlen müssen. Während größere Salons regelmässig durch Steuerprüfungen kontrolliert werden, bleiben Kleinstbetriebe, die oft tricksen, um unter der 17.500 Euro-Grenze zu bleiben, weitgehend unkontrolliert. Lichtblick: Ab 1. Januar 2017 tritt ein neues Gesetz für die Einzelaufzeichnungspflicht in Kraft...mehr Infos

Faire Saloninhaber zahlen faire Löhne

Lichtblick in der prekären Lage des Friseurhandwerks sind Friseurunternehmer, die die teilweise extrem niedrigen Tarif-Hungerlöhne gar nicht erst als Maßstab nehmen. Voraussetzung dafür ist, dass der Saloninhaber entsprechende Preise für qualitativ hochwertige Dienstleistungen nimmt bzw. nehmen kann, die überhaupt erst faire Löhne ermöglichen. Hier haben Friseure mit entsprechenden Qualifikationen ein gutes Auskommen ohne den Gang zum Amt. Eine Liste von "fairen" Salons findet man auf der Seite "Der faire Salon" oder im HairWeb-Salonguide